Unter den etwa 30 historischen Schützengilden und Schützengesellschaften in Waldeck zählt die Schützengilde 1539 Twiste zu den älteren Gilden. Sie ist mit einer lebhaften und wechselvollen Geschichte behaftet.

Die ersten Schützengesellschaften sind wahrscheinlich um 1350 – 1450 in Korbach, Mengeringhausen und Wildungen entstanden. Ihnen oblag die Aufgabe, nach und nach die Bürger im Schießen mit Armbrust und Pfeilen oder Bolzen und nach Erfindung des Schießpulvers mit Handbüchsen auszubilden. Später entstanden auch auf den Dörfern Schützengilden, vermutlich bald nach der gräflichen Landesordnung von 1525, in der es hieß:

„Es soll jeder männiglich gehalten sein, mit seiner gesetzten Wehr, Richtung, Pulver und Lot sich in guter Bereitschaft zu halten und ein jeder Schütze mit 1 Pfd. Pulver und 20 Kugeln ständig versehen sein.“

In Twiste dürfte wohl wegen der häufigen Überfälle auf dem Teilabschnitt der alten Frankfurter - Paderborner Heerstraße, der „Via Twistina“, die von Twiste über den Trappenberg nach Mengeringhausen führte, die Anregung zur Bildung einer Wehrgemeinschaft durch die Herren von Twiste gekommen sein.

Zahlreiche Twister Ackerleute hatten vom Chausseehaus am Fuße des steil ansteigenden Trappenberges bis auf die Höhe (heutige Pyramide) ständig Vorspanndienste zu leisten. Dabei wurden auch ihnen von Wegelagerern und Räubern, die dort Kaufmannszüge ausplünderten, häufig die Pferde abgenommen.

Neben dieser Sicherung der Heerstraße über den Trappenberg waren der Schutz vor Überfällen durch Raubritter, aber auch Feuersnöten, bei Wolfsjagden und bei vielfachen Hochwasserkatastrophen, unter denen Twiste noch bis zum vorigen Jahrhundert besonders schwer zu leiden hatte, wichtige Aufgaben der Schützengilde.

Philipp von Twiste gehörte schon seit 1505 der Mengeringhäuser Schützenbruderschaft an, die er damals mit acht Morgen Land „auf dem alten Felde“ beschenkte. Sein Neffe Hans von Twiste, ein Schildknappe des Waldeckischen Grafen Philipp II., wurde anlässlich der Durchführung eines Geleitschutzes 1509 bei einem Überfall an der Bachteringhäuser Seite schwer verwundet.

Obwohl genaue Jahreszahlen fehlen, darf als sehr wahrscheinlich angenommen werden, dass die Gründung der Schützengilde bereits im Laufe der zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts erfolgte, weil Philipp von Twiste dabei noch zugegen war und dieser zu Beginn des Jahres 1530 starb. Da jedoch auch bei alten Urkunden rechtmäßig die Jahreszahl angegeben werden musste, ist nach erstmaliger urkundlicher Erwähnung in den Wald. ält. Kanzleien 115/244 das Jahr 1539 festgelegt worden.

Nach alten familienkundlichen Urkunden des Adelsgeschlechtes „von Twiste“ waren bis zu seinem Aussterben mit Leopold Friedrich von und zu Twiste (1716) sämtliche männliche Nachfahren, soweit sie auf dem adligen Hofe verblieben, Mitglieder der Twister Schützengilde, die der jeweilige „neue Herr auf Twiste“ bei Übernahme des Hofes stets nach altem Brauch mit Ländereien beschenkte. Daraus erklärt sich wohl auch der einst so große, fast gutsähnliche Landbesitz der Twister Schützengilde, der noch urkundlich in den Twister Salbüchern 1662 – 1667 und 1755 nachgewiesen ist und nach alten Flächenmaßen 30 Morgen und 851,5 Ruthen, nach heutigen Maßen 8,84 Hektar oder 35,36 Morgen betrug.

Durch eine Landesverordnung von 1525 wurde die Durchführung des alten Rechtsbrauches der Schnadezüge oder Grenzbegänge zur gesetzlichen Pflicht gemacht. In älteren Zeiten, als es noch keine Kataster- und Grundbuchämter gab, wurden die Gemeindegrenzen meist nur durch Fluss- und Bachläufe, durch Hecken, Wälle oder große und alte Bäume, meist  Eichen, bezeichnet. Grenzsteine setzte man erst ab 1670. Damit nun alle Einwohner der Gemeinde ihre Flurgemarkungsgrenzen kennenlernten, wurden in gewissen Zeitabständen die örtlichen Flurgrenzen unter Führung der Schützengilden abgegangen. Auch die älteren Schulkinder nahmen mit ihren Lehrern daran teil.

Hatte sich die Mitgliederzahl der Schützen durch den Dreißigjährigen Krieg mit all seinen Nöten und Epidemien auch sehr verringert, so setzten sie sich doch wegen der noch über ein Jahrzehnt lang später herrschenden Unsicherheit immer wieder tapfer und hilfsbereit ein. Weitere Schützengilden entstanden in den Dörfern mit Unterstützung und Förderung der Obrigkeit. Dies erwies sich als notwendig, denn die Grafschaft Waldeck konnte sich zu dieser Zeit noch keine größere stehende Truppe leisten.

Als am 14. Mai 1703 ein Reiterregiment des dänischen Obersten Dithmar den Durchmarsch durch das Waldecker Land zu erzwingen versuchte, waren die Schützengilden des nördlichen Teils der Grafschaft Waldeck gezwungen, für sich allein ihre Nordgrenze zu verteidigen.

Eilstaffetten der Regierung hatten deshalb die Orte der damaligen Ämter Rhoden, Eilhausen und Arolsen aufgefordert, ihre Schützengilden sofort zur Verteidigung der Nordgrenze zu entsenden. Bei Hörle kam es zu einem längeren, erbitterten Gefecht, das auch auf waldeckischer Seite zahlreiche Opfer forderte. Im Sterberegister des ersten Twister Kirchenbuches ist unter dem 14. Mai 1703 vermerkt, dass vier Twister Schützen hierbei ihr Leben lassen mussten.

Eine Blütezeit erlebte das waldeckische Schützenwesen im 18. Jahrhundert. Dies fand seinen Niederschlag nicht nur in zahlreichen Neugründungen, sondern auch in den turnusmäßigen Durchführungen von Freischießen. In Twiste feierte man zu jener Zeit alle zwei bis drei Jahre ein solches Fest. Ein Bericht aus dem alten Schützenbuch und eine darin enthaltene Aufstellung der ehemaligen Schützenkönige und der von ihnen gestifteten Schützenschildchen gibt Aufschluss über die Durchführung und den Ablauf dieser Freischießen.

Fürst Carl August Friedrich zu Waldeck (1704-1763) erließ am 28. Juli 1741 eine Schützenordnung für die Gemeinde Twiste. Diese befindet sich im Staatsarchiv Marburg und umfasst 37 Artikel.

Im gleichen Jahr beschenkte der Fürst die Schützengilde Twiste mit einem großen Schützenschild von 12 Lot Silber, das noch heute oben an unserem Schützenkleinod geführt wird. Einst bestand das Schützenkleinod aus 45 Königsschildchen, zwei Drittel davon wurden im 18. Jahrhundert vom Schützenvorstand im Einverständnis mit sämtlichen Schützen vom Kleinod abgenommen und, laut Urkunde, nebst 23 Rthlr. aus Pachtgeldern der Schützenländer, der Gemeindeverwaltung zum Ausbau des Twister Pfarrhauses gegeben.

Nach 1804 ist dann über die napoleonischen Wirren das Schützenwesen in Twiste in Vergessenheit geraten. Friedrich Schäfer, der 1804 König geworden war, blieb es somit 33 Jahre. Im Jahre 1837 wurde auf Vorschlag des damaligen Schützenkönigs, Gastwirt und Vorsteher Friedrich Happe, die turnusmäßige Abhaltung der Freischießen auf vier Jahre festgelegt. Beim Freischießen am 1. und 2. Juni 1841 gab Forstmeister Rickelt in Vertretung des waldeckischen Erbprinzen Georg Viktor, der Mitglied der Twister Schützengilde war aber am Freischießen nicht teilnehmen konnte, den besten Schuß ab. Das Twister Schützenkorps zog danach am 2. Juni mit voller Musik nach Arolsen aus, um seinem neuen König Erbprinz Georg Viktor das Schützenkleinod zu überbringen.

Das für 1845 vorgesehene Freischießen unterblieb wegen des Todes des Fürsten Georg Heinrich, des Vaters des damaligen Schützenkönigs. Es wurde erst mit besonderer Erlaubnis der Fürstin-Regentin Emma am 19. und 20. Juni 1848 durchgeführt. Bei diesem Freischießen wurde Heinrich Bruchhäuser, Pächter der Twister Ober- oder Junkermühle, wegen des besten Schusses zum Schützenkönig ausgerufen.

Dieses Freischießen 1848 war das letzte, das in Twiste gefeiert wurde. Zwar hatte man laut Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 10. April 1858 beantragt, es nach zehn Jahren wieder feiern zu dürfen, doch der Antrag wurde nach mehrmaligen Vertagungen und Vertröstungen schließlich durch den derzeitigen Twister Bürgermeister, Konduktor Theodor Herrmann, ganz von der Tagesordnung gestrichen. Grund war wohl die Beteiligung der Twister an den Demonstrationen im Zuge der Revolution von 1848. Damit hatte nun Twiste sein bisher schönstes und ältestes Heimatfest verloren.

Erst die im Jahre 1960 abgehaltene 1100-Jahrfeier des Dorfes Twiste war Anlass, die über einhundert Jahre ruhende Schützengilde auf Anregung von Willi Emde, unseres verdienten Heimatforschers und Verfassers der Chronik „1100 Jahre Twiste“, wieder aufleben zu lassen. Nachfahren des einstigen Bürgermeisters Th. Herrmann standen mit den Schützengilden aus Korbach, Mengeringhausen und Mühlhausen Pate bei der Wiedergründung. Das Schützenkleinod, bestehend aus 14 Königsschildern und dem Zentralschild von 1741, das letzte Schützenbuch und eine Fahne aus 1837 waren noch vorhanden. Welche Motive bei der Neugründung mitspielten, das drückte der erste Schützenkönig Ludwig Fischer auf seinem Kleinod aus:
 

„Das alte Brauchtum unserer Ahnen/

erstand aufs Neu’/

Es soll uns allezeit ermahnen/

Bleibt unsrer lieben Heimat treu“
 

Seit 1964 werden nun wieder in regelmäßigem Abstand von sieben Jahren in Twiste Freischießen gefeiert.

Heute stellt sich die Schützengilde Twiste als ein aktiver, am dörflichen Vereins- und Kulturleben teilnehmender Verein dar. Unter dem Dach der Schützengilde bestehen heute acht Formationen und Kompanien mit mehr als 360 Schützenbrüdern vom Schüler bis zum Veteranen.

Quellen:

  • Chronik „1100 Jahre Twiste“ von Willi Emde, 1960
  • Festschrift „425 Jahre Schützengilde Twiste“, 1964
  • Festschrift der Freilichtbühne Twiste anläßlich des 25jährigen Bestehens, 1985
  • Museumshefe Waldeck-Frankenberg,  Nr. 7 „Historisches Schützenwesen im Waldecker Land“, 1988